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Einführung in die Ausstellung Jacoliene Nieboer: "Kleine Männer" im Kunstfoyer am Langenweg (4.9.2003)

Als mir vor einiger Zeit Frau Dr. Rippel-Manß Fotos von Bildern der Künstlerin Jacoliene Nieboer zeigte und mich dann fragte, ob ich bereit wäre, in der Treuhand Oldenburg zur Ausstellungseröffnung zu sprechen, habe ich spontan zugesagt, weil mich das, was ich sah, auf packende Weise ansprach und faszinierte.

Faszinierend war es, Bilder zu sehen, die als Bilderfindungen von erstaunlicher Frische sind; die nicht bereits Bekanntes rekapitulieren oder, wie dies zur Zeit gern geschieht, populäre Medienwelten aus Film, Fernsehen, Zeitungen und Illustrierten in Malerei und Grafik übersetzen, so das man stets das Gefühl eines "déja vue" hat.

Dennoch fühlte ich mich zugleich an Arbeiten von Sigmar Polke erinnert, der einmal formulierte: "Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eines Tages gute Bilder gemalt werden, wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen."
So schuf Polke ein Werk, das Hoch- und Trivialkultur umfasst und paradigmatisch zeigt, dass die voraussetzungslose Offenheit in der Kunstpraxis - und eben darauf kommt es an - gerade nicht in die gestalterische Unverbindlichkeit und Anpassung führen muss.

Und mit eben solchem frischen Mut und solcher Tendenz hat offenbar Jacoliene Nieboer ihr künstlerisches Werk begonnen, um mit ebensolcher Beweglichkeit, Hintergründigkeit und vergleichbarem Witz ihre Malerei voran zu treiben.

In Jacoliene Nieboers Werken vermischen sich Rationales und Irrationales, pointensicherer Einfallsreichtum und gestalterische Kraft. Es gibt dabei drei Werkkomplexe, die sich zwar vordergründig stark unterscheiden, die aber hinsichtlich der Gestaltungsprinzipien eng miteinander verbunden sind. Dies sind zum einen die figürlichen Kompositionen, dann die bemalten Objekte und schließlich die Stillleben.

Wenden wir uns zunächst den figurativen Arbeiten zu. Jacoliene Nieboer erzählt gerne, dass das Spiel und die Beschäftigung mit ihren Neffen Ausgangspunkt für solche Bilder gewesen sind. Man will es gerne glauben, erkennt aber schnell, dass sich die Bilder von diesem Ausgangspunkt weit entfernt haben. Die unbehaarten Körper, Köpfe und Gliedmaßen, insbesondere die Hände, wirken wie die von Föten, während einzelne Elemente wie lackierte Zehennägel, riesige Füße und altkluge Gesichter ganz anderen Lebensaltern anzugehören scheinen. Also keine niedlichen Kinderporträts, sondern zeitlose Wesen, die in ihren teilweise absurden Haltungen wie künstlich geschaffen wirken. Und das sind sie ja auch, es sind Wesen einer Kunstwelt, in der sich die Welten des Realen, des Phantastischen und des Intelligenten begegnen.

Damit dies auch gelingen kann, werden von Jacoliene Nieboer gewohnte Weisen unserer Sicht auf die Welt des Realen verkehrt. So zum Beispiel in dem Gemälde mit der Gestalt im Ringelanzug mit Luftballons.
Dreht man das Bild auf den Kopf, dann wirkt die Haltung der Figur ganz natürlich, dann müssten aber auch die Ballons in die andere Richtung fliegen. Durch die Umkehrung der Richtungen erleben wir visuell einen bodenlosen Sturz in einem vollständig phantastischen Raum. Das sinnlich Erfahrbare und das nur Denkbare werden synthetisiert und miteinander zu einer neuen Bildwirklichkeit verbunden.

Auch der Flug oder die Reise einer clownesken Gestalt in der Muschelschale durch einen Schwarm von Schneckenhäusern ist nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Auch hier passen die Gestaltelemente, Proportionen, Gegenstände nicht nach realistischer Sichtweise zusammen. Das Verfahren ist etwa dem von Sigmar Polke, Philip Taffe und Christopher Woolf vergleichbar, wobei die drei unterschiedlichen Ansätze dieser Altvorderenin eins Zusammengezogen werden.

Ich will dies folgendermaßen beschreiben: Durch kritische Auswahl einer signifikanten Form wie Schneckenhaus, Luftballon, Rose, Apfel und deren Vervielfältigung entsteht über das ganze Bild verteilt eine neue Ornamentik als ein Beitrag und eine Reflexion zur neuen Massenkultur. Indem sich aber Raster und Muster mit figürlichen Bildweiten treffen und zu hintergründigen Inhalten und Gesamtaussagen verbinden, entsteht eine prickelnde Mischung, die märchenhafte Elemente mit zeitgenössischem Designe verschränkt.

Besonders deutlich wird dies auf dem Bild, das auch als Plakatmotiv gewählt wurde, in dem sich die dunkelroten Rosen des Hintergrundes als weiße Formen nahtlos in dem Bereich fortsetzen, der als Kleidung der Figur gedeutet werden kann. So werden inhaltliche und formale Elemente zweier Kulturbereiche sowie Deutungsebenen und die menschliche Figur miteinander verwoben, wobei sich das Dekorative mit dem Artistischen auf effektvolle Weise verbindet.

Bezeichnend für die Art und Weise, mit der Jacoliene Nieboer Motive, Elemente und Verfahren der Massenkultur als Muster in ihren Bildern mit der menschlichen Figur kombiniert, ist das Tanzbild, in dem sich die Gestalten der Tanzenden aus dem flächig-grafischen Arrangement erst beim zweiten Hinsehen herauslösen und auch nur die Beine für das Ganze des Paares stehen oder schreiten müssen.

Es erinnert sehr an die Rätselbilder in den Illustrierten, in denen in einem verschlungenen Gespinst von Formen und Linien eine bestimmte Gestalt oder Figur gefunden werden muss.

Das Formen- und Farbenspiel seriell aufgefasster Muster aus verfremdeter Realität ist also in Verbindung mit den figurativen Elementen durchaus in der Lage, für den Betrachter phantastische Welten zu zaubern.

Mit den Bildobjekten, die seit 2002 entstanden sind, den Tischen und dem Kinderbetchen, wird das von Jacoliene Nieboer entwickelte System der Malerei von der Fläche in die Dreidimensionalität entwickelt. Das Spannungsfeld von Realität, Malerei und Traumwelt wird in dem Objekt des Kinderbettes, um das man herumgehen muss, um es zu erfassen, handgreiflich demonstriert.

Das Bett ist leer, das schlafende Kind ist auf allen vier Außenseiten des Bettes als Malerei gegenwärtig und außen und innen erscheinen zugleich - wiederum wie ein Muster - die erträumten Äpfel in praller Darstellung.

Spätestens jetzt tut sich für den Betrachter der Werke von Jacoliene Nieboer eine Reihe von Fragen auf, z.B.: "Wo hört die Realität auf und wo fängt die Illusion an, wird das reale Objekt - ich verweise auf die bemalten Tische - durch die Malerei in seiner Materialität verwandelt? Reales erscheint nämlich plötzlich irreal, weil es aus seinem vertrauten Bezugssystem gelöst wurde. Wie sind in den Bildern Realitätszitate und malerische Erfindungen von einander zu trennen, wie sind Lebenswelten und Traumwelten verbunden und sind sie überhaupt noch zu unterscheiden?

Welcher Realitätsebene gehören eigentlich die "Kleinen Männer" an, die auch im Titel der Ausstellung genannt werden?

Es sind offenbar keine Kinderbildnisse, sondern Konstrukte, in denen mit den Mitteln der Malerei Reales, Phantastisches und Intelligentes mit Witz und Hintergründigkeit verbunden werden. Sie lösen im Bewusstsein des Betrachters Unruhe, Verunsicherung und Bestürzung aus. Sie irritieren unsere gewohnte Vorstellungswelt und geben uns neue Denkanstöße zu Kindheit und Alter, Wunderwelten und Realität, beflügeln durch ihre Haltung und Gestik unsere Phantasie und konfrontieren uns mit Hoffnungen, Sehsucht, Trauer und Verzicht.

Dies geschieht auch in den Stilleben, in denen sich ebenfalls gemusterte Flächen mit Objekten verbinden, die magische Anschauungsqualitäten entwickeln.

Jacoliene Nieboer zeigt uns, wie man mit den alten Mitteln der Malerei in einem intelligenten und offenen Verfahren neue Bildwirklichkeiten entwickeln kann, die nicht nur überraschend neue Seherfahrungen vermitteln, sondern auch Verstand, Gefühl und Intellekt anspornen.
Der Tisch ist gemalt eigentlich kein Tisch mehr, sondern ein Gemälde, aber dieses Gemälde ist nicht flach, es ist zwar mit einem Muster überzogen, aber das Muster ist wieder kein Muster, denn es sind ja gemalte Luftballons, aber diese gemalten Luftballon bleiben in der Fläche, sie sind aber so gemalt als flögen sie unterschiedlich hoch in der Luft, dann ist die Tischplatte also gar keine Tischplatte, sondern doch ein Luftbild, oder ist das Ganze nur ein neues Design?

Ich wünsche Ihnen viel Gewinn bei dem Vergnügen, die verschiedenen Realitätsebenen zu erleben, zu entschlüsseln und zu erschießen.

Der Ausstellung und der Künstlerin aber wünsche ich einen guten Erfolg.

Ewald Gäßler